Welche Kompetenzen fordert das digitale Zeitalter?

Die Zukunft einer Nation hängt davon ab, wie gut es ihr gelingt, ihre Bürger*innen auf diese Zukunft vorzubereiten. Doch was bedeutet das für die Schulen?

Flavio Carrera Projektleiter Menon, Philosophielehrer

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Schulen stehen vor einer gewaltigen Herausforderung. Sie sollen Kinder auf eine Welt vorbereiten, von der sich nur erahnen lässt, wie sie dereinst aussehen wird. Trotz der Ungewissheit besteht unter Expert*innen Konsens, dass der Fokus auf Kompetenzen wie Kreativität, kritischem Denken und Teamwork liegen muss. Denn genau in diesen Kompetenzen heben wir uns von Maschinen ab.

Wie gut fände sich ein Mensch des Mittelalters zurecht, würde er eines Morgens nicht in seiner gewohnten Umgebung erwachen, sondern 500 Jahre später, in einer Gesellschaft der Renaissance? Vermutlich würde er erst einmal die zahlreichen Fortschritte bewundern: die imposanten Gebäude, die schnellen Schiffe und die neuartigen Waffen. Die Person wäre sicherlich erstaunt, aber nicht überfordert. Sie könnte sich in dieser Welt zurechtfinden, mit grosser Wahrscheinlichkeit fände sie sogar eine Anstellung.

Wie wäre es aber, wenn man einen Bürger der Renaissance wiederum 500 Jahre später, beispielsweise in eine Grosstadt Chinas im Jahr 2000 brächte? Es ist offenkundig, dass diese Person mit der neuen Welt nicht mehr so leicht klarkäme. Vielleicht würde sie sich sogar fragen, ob sie sich überhaupt noch auf dem gleichen Planeten befinde. Und es kann bezweifelt werden, ob diese Person noch einem Beruf nachgehen könnte; schlicht und einfach, weil es ihren gelernten Beruf höchstwahrscheinlich gar nicht mehr gäbe.

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Was nun, wenn wir dieses Gedankenexperiment ein letztes Mal wiederholen: Stellen wir uns vor, wir nehmen eine Bürger*in aus dem Jahr 2000 – einer Zeit, als es noch keine Smartphones gab, notabene – und teleportieren sie in die Zukunft, in das Jahr 2500. Wie würde es dieser Bürger*in ergehen? Was würde sie erwarten? Könnte sie noch ihrem Beruf nachgehen?

Dieses Gedankenexperiment veranschaulicht wie stark die technische und kulturelle Entwicklung der Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten vorangeschritten ist und wie ungewiss die Zukunft ist, in die wir uns hinein bewegen. Wenn sich der Trend fortsetzt und sich die technische Entwicklung weiter beschleunigt, lässt sich nicht einmal mehr erahnen wie die Welt dereinst aussehen wird – in 500, aber vielleicht auch schon in 100 oder sogar 50 Jahren.

Für Schulen ist diese Ungewissheit eine grosse Herausforderungen. Die Gesellschaft erwartet von Bildungseinrichtungen, dass sie Kinder und Jugendliche auf eine Zukunft vorbereiten, von der überhaupt nicht klar ist, wie sie aussehen wird. Es spricht einiges dafür, dass das digitale Zeitalter auch das Zeitalter der künstlichen Intelligenz sein wird und sich die Automatisierung vieler Arbeitsprozesse fortsetzt. Dies wiederum bedeutet, dass es nicht vorwiegend das Fachwissen ist, das die künftigen Bürger*innen benötigen werden, denn gerade in diesem Bereich können Menschen kaum mit Maschinen konkurrenzieren. Viel mehr müssten die heutigen Kinder und Jugendlichen einerseits dazu befähigt werden ein Leben lang weiter zu lernen und andererseits gezielt in jenen Schlüsselkompetenzen gefördert werden, in denen sie sich von Maschinen abheben.

Sarah Genner, eine renommierte Schweizer Digitalexpertin, hat eine Vielzahl bestehender Kompetenzmodelle analysiert und ausgewertet, welche Kompetenzen mit welcher Häufigkeit als bedeutend für das Leben im digitalen Zeitalter genannt werden. Auf der nachfolgenden Abbildung sind die Ergebnisse ihrer Analyse zu sehen.

Es ist offenkundig, dass der Förderung dieser Kompetenzen an den allermeisten Schulen noch längst nicht der Stellenwert zugeschrieben wird, den sie erhalten sollte. Kaum eine Schule führt eine gezielte, individualisierte Entwicklung von Kompetenzen wie beispielsweise kritisches Denken, Kommunikation, oder Kreativität durch. Eine wichtige Ursache dafür ist, dass eine solche Neuausrichtung durch die Rahmenbedingungen, in denen sich Schulen bewegen, erschwert wird. Andreas Schleicher, Leiter der PISA Studien, schreibt in diesem Zusammenhang: «In den Schulen haben wir heute einen Zentimeter dünnen, aber Kilometer breiten Lehrplan.» (1) Gerade die übervollen Lehrpläne und das Beharren auf Noten und Zeugnissen behindern den Wandel unserer Bildungseinrichtungen hin zu Schulen der Zukunft. Dieser Missstand ist nicht nur irritierend, sondern auch ärgerlich, denn im Unterschied zum Bürger des Mittelalters und der Renaissance kennt unsere Gesellschaft die allgemeine Schulpflicht. Jedem Kind böte sich also die Chance, eine Schule zu besuchen, in der es so gut wie möglich auf die Zukunft vorbereitet wird, selbst wenn wir nicht genau wissen, wie diese Zukunft aussehen wird.

Der Akt des kreativen Schaffens erlaubt nicht nur eine tiefe Lernerfahrung, sondern ist sogar eine der höchsten Formen des Lernens überhaupt.

Flavio Carrera
Projektleiter Menon, Philosophielehrer

Manchmal muss, um bedeutende Erkenntnisse zu gewinnen, aber ohnehin kein spekulativer Blick in die ungewisse Zukunft gewagt werden. Manchmal reicht es auch, in die Vergangenheit zu schauen. Vor vielen hundert Jahren soll der chinesische Philosoph Konfuzius gesagt haben:

«Sage es mir, und ich werde es vergessen.
Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten.
Lass es mich tun, und ich werde es können.»

Hinter der Aussage Konfuzius‘ steckt eine Weisheit, die heute aktueller denn je ist: Der Akt des kreativen Schaffens erlaubt nicht nur eine tiefe Lernerfahrung, sondern ist sogar eine der höchsten Formen des Lernens überhaupt. Statt abzuschreiben, auswendig zu lernen oder vorgefertigte Aufgaben zu lösen, sollte die Hauptaufgabe der Schüler*innen an Schulen darin bestehen, kreative Tätigkeiten zu vollführen. Dies ist der Gradmesser dafür, ob Schulen den Auftrag erfüllen, den die Gesellschaft an sie stellt, nämlich die Kinder und Jugendlichen auf das Leben im digitalen Zeitalter vorzubereiten.

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