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„Die Disziplinargesellschaften sind nach Foucault dadurch geprägt, dass die Individuen die gesellschaftliche Kontrolle durch ständige Disziplinierung, Überwachung und Strafe internalisieren“. So schreibt Michael Seemann in seinem Buch „Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust.“

Christoph Schmitt Learning investigator and expedition companion for new learning cultures bei iba - Internationale Berufsakademie

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Dieses Konzept bildet bis heute das Fundament aller Bildung und Erziehung: Selbstdisziplin und Selbstkontrolle. Mit diesem Narrativ sind so gut wie alle Pädagog*innen rund um den Globus gross geworden: Am Ende ist Kontrolle immer das Mass der Dinge, wer auch immer sie hat. Eine Welt ohne sie ist unvorstellbar. Erst recht nicht in der Schule und Betrieb, die praktisch nichts anderes tun als zu kontrollieren. Wie Google & Facebook auch.

Wir leben endgültig im Zeitalter der digitalen Informationstechnologien. Dessen Hauptmerkmal ist neben der schieren Menge an Daten, die produziert werden, der Verlust von Kontrolle über das, was zum Kerngeschäft von Schule gehört: Information. Wir können vielleicht noch Anwesenheit kontrollieren und Verhalten. Nicht aber Information, und erst recht nicht die Daten. Ein wesentlicher Grund, aus dem es Schule gibt: das Wächteramt über den korrekten Umgang mit einem korrekten Bestand an Wissen, ist perdu.

Ein Verlust ist das vor allem für jene Menschen und Institutionen, die sich bisher über Kontrolle definieren: ihre Identität, ihre Aufgaben und Funktionen. Sie sind versucht, Kontrolle hinüber zu retten in die Welt nach dem Kontrollverlust. Eine Studie des Max-Planck-Instituts mit Führungskräften hat gezeigt, was die Folgen sind: Es fallen keine mutigen Entscheidungen mehr: Chefs trauen sich nicht, mutige Entscheide zu fällen.

Gesucht und gefunden werden: Die Query

Das neue Paradigma ist die Query, zu deutsch: die Abfrage. Nicht was wir anzubieten haben an Content und anderen Pralinen, nimmt am neuen Spiel teil, sondern das, was gesucht wird – und gefunden. „Der Wert liegt in der Auffindbarkeit“, schreibt Seemann. Während es lange Zeit darum ging, wie wir es schaffen, verstanden zu werden, Daten zu vermitteln und zu übertragen, sodass ein Empfänger mit der Nachricht (dem „Stoff“) etwas anfangen kann, dreht die Query die Fragestellung um: Was sicht- und hörbar wird und relevant, „entscheidet sich durch die Ausrichtung und Mächtigkeit der Query. Und nicht zuletzt entscheidet es sich dadurch, wer Zugriff auf die Daten hat.“

Was kann Schule tun, um eine gestaltende Mitspielerin in diesem neuen Spiel zu werden? Wie stellt sie sich auf? Was hat sie zu bieten? Wie verändert sie ihre Beziehung zu Information und Kontrolle – und nicht zuletzt: Was ist in diesem Zeitalter der vertauschten Vorzeichen ihre Aufgabe? Sie weiß sich für die Fragen zuständig, nicht mehr für die Antworten. Für das Suchen, nicht für das Finden. Nicht für das Liefern und Vermitteln von Information, sondern für das lustvolle Geschäft der gemeinsamen, nachhaltigen Konstruktion sinnvoller Wirklichkeiten: beruflich, privat, ökologisch, sozial.

Gefragt sind mehr denn je Digital Literacy und Digitale Kompetenz – und zwar auf drei Ebenen und in dieser Reihenfolge: (1) bei Bildungsorganisationen, (2) bei lehrenden Berufen und (3) bei Schüler*innen. Erst wenn sich Schulen und Lehrpersonen selber auf den Weg einer digitalen Professionalisierung gemacht haben, spüren und erkennen sie die Unterschiede zu klassischen Vorstellungen von Lehre und Vermittlung. Erst dann entwickeln sie jene Fähigkeiten, bei deren Entwicklung sie ihre Schüler*innen kompetent begleiten sollen. Eine wunderbare Unterstützung dabei bietet die Mozilla Foundation hier an.

Digitalien: Da nach wie vor unentdeckte Land

Wenn Daten und Informationen tatsächlich das neue Öl sind, das humane Kapital des Menschen und seiner Zukunftsgesellschaft, wenn die „Query“ ein Schlüsselmoment im Umgang mit diesen Daten ist, dann geht es bei uns allen zuerst um die Fähigkeit, Fragen zu stellen. Dann spuckt Schule nicht länger Antworten aus wie eine Ballmaschine ihre Tennisbälle. Dann besteht ihre er(n)ste und vornehmste Aufgabe darin, dem Fragen Raum zu geben. Konsequent. Der uneingeschränkten Neugier.

Wir sollten zur Seite treten – als Lehrende, Schulende und als Bildungsinstitutionen.

Christoph Schmitt

Vor uns allen liegt eine völlig neue und unentdeckte Welt: Das digitale Informations-Zeitalter. Keine noch so erfolgreiche Lern- und Organisationsstrategie der Vergangenheit wird uns beim Übersetzen in diese neue Welt helfen. Deshalb finde ich: Wir sollten zur Seite treten – als Lehrende, Schulende und als Bildungsinstitutionen. Wir sollten lieber heute als morgen Platz machen für die, denen diese Welt gehört. Wir sollten von ihnen lernen: von ihren Fragen, von ihrem Suchen. Wir sollten sie nach Kräften dazu ermutigen und dabei unterstützen.

Besonders verlockend und ermutigend hat das meiner Ansicht nach in jüngster Zeit Nils Landolt formuliert, einer der engagiertesten Menschen in Sachen Zukunft, die ich kenne.

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